Seilherstellung

Bei unseren Vorführungen verwenden wir fertiges Garn, damit wir das Seile schlagen mehrmals am Tage zeigen können.

Wir stellen drei- beziehungsweise vierlitzige Seile her. Bei dreilitzigen Seilen wird Garn an drei Haken am Seilergeschirr aufgezogen, entsprechend bei vierlitzigen Seilen zieht man Garn an vier Haken auf. Dabei muss darauf geachtet werden, dass die Anzahl der einzelnen Garne auf jedem Haken am Seilergeschirr gleich ist. Die Anzahl der Garne bestimmt den Durchmesser des fertigen Seiles und der Abstand zwischen Seilergeschirr und Seilerwagen die Länge des Seiles. Die Länge der aufgelegten Garne verkürzt sich beim Verseilen um etwa ein Drittel der ursprünglichen Garnlänge. Bei langen Seilen werden zwischen Seilergeschirr und Seilerwagen Seilböcke gestellt, um das Durchhängen der Garne und des fertigen Seiles zu verhindern. Sind die Garne aufgelegt, dreht der Seilerknecht die Kurbel so, dass sich die Garne in der selben Richtung drehen, wie die Garne gesponnen wurden, ansonsten würden diese aufgedreht werden. Der Drall setzt sich bis zum Haken am Seilerwagen durch, das Mitdrehen des Hakens wird mit dem Leitholz so lange verhindert bis die Litzen die notwendige Festigkeit haben. Der Seiler läuft dann mit dem Leitholz vom Seilerwagen zum Seilergeschirr, immer darauf achtend, ein gleichmäßiges Seil (Festigkeit, Steigung) zu erreichen, wobei der Seilerknecht die Kurbel weiterhin dreht. Wichtig ist dabei gleichmäßiges Drehen, Seilqualität ist davon abhängig. Hat der Seiler das Seilergeschirr erreicht, muss der Seilerknecht das Drehen sofort beenden. Das fertige Seil muss dann an den Enden zumindest verknotet werden, damit es sich nicht aufdreht. Es kann aber auch mit einem Auge, Augspleiß, Endspleiß oder Takling versehen werden. Danach werden die Litzen an den Haken abgeschnitten und das Seil vom Seiler und dem Seilerknecht gestreckt.

In der Galerie sind Bilder unserer Ausstattung und der Seilherstellung zu sehen.

Die Geschichte der Seilherstellung

Eines der wichtigsten technischen Hilfsmittel der Menschheit war und ist das Seil. In ägyptischen Pyramiden beispielsweise ist auf Wandbildern deren Erbauung unter Verwendung von Seilen dargestellt. Das wohl älteste Seil fand man bei Ausgrabungen in Ägypten, es solle um die 3300 Jahre alt sein.

Aber auch in späterer Zeit hatte das Seil eine wichtige Stellung im Arbeitsleben der Menschen. Seile wurden in der Landwirtschaft, in der Schifffahrt, im Bergbau und zur Herstellung von Netzen zum Tierfang benötigt. Da die Seilherstellung relativ leicht und ohne großen technischen Aufwand zu bewerkstelligen ist, konnten die Bauern sich einfache Stricke aus Rosshaar, Bast, Flachs oder Schweinsborsten mit eigenen Werkzeugen herstellen. In der Antike wurde sogar Leder zur Herstellung von Seilen für Ölpressen verwendet. Da es jedoch auch Bedarf an festeren, höherwertigen Hanfseilen gab, deren Herstellung mehr Erfahrung und das entsprechende Werkzeug benötigte, ging man zum Seiler oder Reepschläger und kaufte ein Qualitätsseil. Die Seil- bzw. Reepschlägerei gibt es als eigenes Handwerk, seitdem Kriegs- und Handelsschiffe in größerer Zahl die Meere befahren. Die ältesten Hinweise auf das Bestehen eines Seilerhandwerks sind Personennamen: zwischen 1150 und 1180 lebte z.B. ein Erwin Selemechere in Köln. Ab dem 13. Jahrhundert finden sich viele weitere Nachweise von Reepern und Seilern in Namen oder Berufsbezeichnungen.

Seiler oder Reepschläger?

Zwischen Seilern und Reepern muss unterschieden werden. Die Kunst des Reepschlägers besteht darin, schweres Seilwerk für die Schifffahrt herzustellen. Der Seiler dagegen stellt kurzes dünnes Seilwerk für die Landwirtschaft und Kleinseilerwaren, wie Wäscheleinen, Sackbänder, Bindfäden und auch Netze her. Daher hatten beide in der mittelalterlichen und nachmittelalterlichen Gesellschaft auch einen unterschiedlichen Stand. Das Reepschlägergewerbe war für die Wirtschaft einer Hafenstadt überlebenswichtig und die Reeper genossen hohes Ansehen und einen gewissen Wohlstand.

Der Seiler im Binnenland hatte es dagegen schwerer. Hier wurden kaum hochwertige Seile, die ein Bauer nicht selbständig herstellen konnte, benötigt. Daher versuchte der Seiler sein Einkommen durch den Verkauf anderer Waren aufzubessern. Er handelte beispielsweise mit Fackeln, Lunten, Pech, Peitschen und anderen Gegenständen für die Landwirtschaft, vieler Orts sogar mit Stockfisch. Da es hier aber oft zum Streit mit Krämern kam, wurde den Seilern vereinzelt sogar das Monopol des Handels mit Salben oder sauren Gurken eingeräumt.

Des Weiteren unterscheiden sich Seiler und Reeper in Kleinigkeiten ihrer Arbeitsweise und ihren Gerätschaften. Zum Beispiel stellt der Reeper schwereres Seilwerk her, also muss auch das Arbeitsgerät dementsprechend größer und schwerer als beim Seiler sein.